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Zwischen Zwei Sprachen Leben

Lebe ich eine Sprache? Oder bewohne ich sie? Gilt das für eine gelernte Sprache auch? 

Der Begriff ‘Muttersprache’ ist veraltet, das wissen wir schon. Ich bin aber mit einer Sprache aufgewachsen, bis ich meine zweite Sprache gewählt habe. Kann ich sogar meine zweite Sprache beleben, oder eher bewohnen?

Als ich das schrieb, war es mir peinlich bewusst, wie schwierig das Übersetzen davon wird, unübersetzbar sogar. Damit habe ich mich, sozusagen, selbst in den Fuß geschossen. Ich bin Übersetzerin, Lehrerin, von Wörtern besessen. Wie Sprachen einander überschneiden, einander widerspiegeln, aber nie genau einander abgleichen. Weil das nie klappt. Weil das immer eine Fantasie ist. Übersetzung ist das endlose Lernen von allen Möglichkeiten, wie man in zwei oder mehrere Sprachen ähnliche Gedanken erklärt. Ähnlich aber nie gleich. Eine Übersetzung ist immer nur eine Echo, eine subjektive Wiederschreibung.

Wieviel Platz können zwei Sprachen aufnehmen? Ist es endlos, könnten noch weitere Sprachen dazukommen, wie zum endlosen Horizont, offen weit und breit? Oder ist es irgendwie begrenzt? Rutscht was eventuell aus der anderen Seite, wenn was neues rein muss?

Meine zweite Sprache ist gelernt. Mein gespaltenes Dasein, die andere Hälfte von mir ist gelernt. Ich werde oft gefragt, warum ich mich dafür entschieden habe. Warum ausgerechnet Deutsch? Deutschen können doch alle schon Englisch, oder? (nein). Hast du deutsche Verwandte? Bist du von deutscher Abstammung? (nein). Es war eine einfache Wahl in der Schule, sage ich. Aber ich weiß, dass das vielleicht nicht die ganze Wahrheit ist. Die Wahrheit ist immer viel komplizierte, als man denkt. Ich bin mir nicht genau sicher, was meine Wahrheit ist. Ja, warum Deutsch? 

Wir gehören aber zur gleichen Familie. Je weiter man in die Vergangenheit zurückgreift, desto ähnlicher werden die zwei Sprachen, Deutsch und Englisch, Englisch und Deutsch. Die gleiche Abstammung, die gleiche Wurzeln. Sieht man aber nur heutzutage nicht am Ampel, wo die Engländer ungestört zwei Meter vor einem beschleunigenden Taxi bei rot überlaufen. 

Vielleicht war es für mich eher eine Übung der Eitelkeit, weil ich nicht wie ‘alle’ andere Engländer sein wollte. Ich wollte nicht nur eine Sprache zur Verfügung haben, das schien mir zu engstirnig. Die Welt ist voller endlosen Möglichkeiten, sich selbst zum Ausdruck zu bringen. Hätte ich das nur auf eine Sprache gekonnt, hätte ich mir immer gewundert, was hätte anders sein können. Aber bilingual zu sein ist auch weit entfernt von den geschicktesten Linguisten der Welt.

Deutsch fällt mir immer noch nicht so einfach wie Englisch. Ich rede und schreibe wie kein/e Deutsche/r. Manche würden das als Unzulänglichkeit bezeichnen, als Scheitern, als Unvollkommenheit, meine nicht-ganz-Beherrschung. Aber ich behalte gerne meine Makel. Gibt es nicht die Möglichkeit für eine endlose Mehrzahl an Arten von Deutsch in der Welt, genauso wie es ein endloses Vielfalt Englisch gibts? Die Engländer haben es auf Sklaven- und Pilgerschiffe mitgebracht, und dachten, sie könnten die Welt beherrschen wie man eine Sprache ‘beherrscht’. Aber jetzt gehört Englisch jedem, der mit Englisch aufwächst oder Englisch lernt. Es gehört nicht mehr den Engländern. Als ich heute anfing zu schreiben, hatte ich es vor, es meinem deutschen Freund zu schicken, um für Makel und Fehler zu überprüfen. Aber ich habe mich anders entschlossen. Die Makel bleiben. Sie sind Kennzeichen eines langen Weges hinter mir, Brotkrümel der Jahren des Gedulds und der Frustration, wie die Ringe in einem Baumschnitt, Schichten über Schichten aufgebaut. Mein Deutsch war wurzellos, aber jetzt habe sie Wurzeln geschlagen. 

Es ist komisch, daran zu denken, wie diese kantige, eckige, stachelige Sprache mich gerade ablehnt. Nach Brexit, während Corona noch weitermarschiert, im neuen, dystopischen Zeitalter, darf ich nicht hin. Absolutes Reiseverbot zur Eindämmung der Delta-Variante. Im letzten sechs Monaten, gab es ein Fenster von 6 Tagen, indem ich legal nach Deutschland reisen konnte. Natürlich habe ich das Fenster verpasst. 

Ich hatte die naive, kindliche Hoffnung, dass alles wieder fortschreitend besser wird, dass ich diesen Sommer meinen Partner wiedersehen könnte. Aber meine deutsche Hälfte schlummert noch ihren ausgezogenen Winterschlaf. Flüge verschieben, noch einmal, nur noch einmal. Noch einen Monat schaffen mir, dann nur noch einen Monat. Den odenwäldischen Dialekt kann ich nicht mehr hören, melodisch, halb-geschluckt, hoch- und runter in meinen Ohren, die Wörter einander überfallend, während ich mich anstrenge, seinen Opa mitzubekommen. Er versteht mich auch nicht, obwohl ich versuche, mein Deutsch so deutsch wie möglich auszusprechen.

Ich muss immer wieder fragen, wie ein Tannenzapfen auf Odenwäldisch heißt. Oder vielleicht heißt es nur so im Dorf meines Freundes, dass vergesse ich auch. ________. Ich finde es jedesmal lustig, vergesse es aber auch immer wieder. Wieso lustig? Vielleicht weil es so anders ist. Vielleicht weil es so spezifisch ist, ein ganz anderes Wort für etwas, was so oft so unbemerkt auf dem Waldboden liegt, getrampelt, oder von eifrigen Dorfkindern aufgerissen, um an die süßbitter Kernchen zu gelangen. Ich habe auch fast den Geruch von Moos unter Tannen vergessen, wie die Farne über die Sommermonaten sich langsam entfalten, und wie man den Blick für Pilzen entwickelt, wenn man lang genug hinsieht.

Die Trennung ist ein endloses Hinauszögern, verzögern, die Seite neu laden, buchen dann umbuchen und stornieren, Bedingungen lesen, Quarantänepflicht oder nicht? Impfbescheinigung, Testnachweis, Grüne-Gelbte-Rote Liste. Ich verbringe meine Tage am Schreibtisch und übersetzte aus Deutsch, aber ich bin seit Jahren nie weiter weg von Deutsch gewesen.

By annaputsover

Translator and English tutor

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